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Nach Hamas-Propaganda-Videos: Israel fordert mehr Aufmerksamkeit für Geiseln
Nach der Veröffentlichung von Propagandavideos ausgehungerter Geiseln durch islamistische Palästinenserorganisationen drängt Israel auf mehr Aufmerksamkeit für die im Gazastreifen festgehaltenen Menschen. Der israelische Außenminister Gideon Saar sagte am Montag vor Journalisten, er habe seine Amtskollegen aufgerufen, das Schicksal der Geiseln "ins Zentrum der globalen Tagesordnung" zu rücken. Für Dienstag kündigte Saar seine Teilnahme an einer kurzfristig anberaumten Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zur Lage der Geiseln an.
Israels Außenminister Saar sagte weiter, die Welt müsse "dem Phänomen der Entführung von Zivilisten ein Ende setzen". Die Sicherheitsratssitzung, zu der Saar nach eigenen Angaben zum UN-Sitz in New York reist, hatte zuvor der israelische UN-Botschafter Danny Danon angekündigt. In ihrem Zentrum werde die "schlimme Lage der Geiseln in Gaza" stehen, erklärte Danon.
Die Hamas und die mit ihr verbündete Gruppe Islamischer Dschihad hatten in den vergangenen Tagen drei Propagandavideos von seit Oktober 2023 gefangen gehaltenen Geiseln verbreitet. Eines der Videos zeigt den abgemagerten Evyatar David, wie er sich in einem engen Tunnel sein eigenes Grab zu schaufeln scheint. Ein anderes Video zeigt, wie der Deutsch-Israeli Rom Braslavski sich Nachrichtenvideos über die Hungersnot der Palästinenser im Gazastreifen anschauen muss.
Die Aufnahmen der ausgehungerten Geiseln lösten in Israel und international großes Entsetzen aus. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu zeigte sich bestürzt und wertete die Bilder als Beleg dafür, dass die Hamas den Krieg mit seinem Land nicht durch Verhandlungen beenden wolle.
Die Islamisten wollten Israel mit ihren "Horrorvideos" brechen, sagte Netanjahu und fügte an: "Aber wir werden uns nicht brechen lassen. Ich bin noch entschlossener denn je, unsere entführten Söhne zu befreien, die Hamas zu vernichten und dafür zu sorgen, dass der Gazastreifen keine Bedrohung mehr für den Staat Israel darstellt."
Netanjahu bat das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zudem laut seinem Büro, die Versorgung der Geiseln mit Nahrungsmitteln und sofortiger medizinischer Hilfe zu unterstützen.
Die IKRK-Delegation in Israel und den besetzten Palästinensergebieten äußerte sich "entsetzt" über die "erschütternden" Geisel-Videos. Die Delegation bekräftigte ihre Forderung nach Zugang zu den Geiseln, äußerte sich aber ansonsten nicht zu einer möglichen Versorgung der Geiseln durch das IKRK.
Die Hamas erklärte, sie werde dem IKRK den Zugang zu den Geiseln nur erlauben, wenn humanitäre Korridore für Hilfslieferungen im Gazastreifen eröffnet würden. Angesichts des Hungers im Gazastreifen und der israelischen "Belagerung" würden den Geiseln "keine Sonderrechte gewährt".
In Deutschland sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) der "Bild"-Zeitung, er sei über die Bilder der ausgehungerten Geiseln "entsetzt". Bundeskanzleramtschef Norbert Frei (CDU) forderte ein "sofortiges Ende" der "unglaublich schlechten" Behandlung der Geiseln.
Die Hamas und andere islamistische Palästinenserorganisationen halten im Gazastreifen nach israelischen Militärangaben noch 49 der 251 Geiseln fest, die sie während ihres Großangriffs am 7. Oktober 2023 verschleppt hatten. 27 davon sind dem Militär zufolge mittlerweile tot.
Der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter äußerte im "Tagesspiegel" unterdessen Kritik an der Nahost-Politik der Bundesregierung. Es gelte, "unverbrüchlich an der Seite Israels zu stehen". Die deutsche Nahost-Politik mache "einen Riesenfehler, wenn sie sich der kognitiven Kriegsführung der Hamas unterwirft und einer Täter-Opfer-Umkehr das Wort redet", sagte der CDU-Politiker. Das Ziel der Hamas sei die Vernichtung Israels und unschuldiger israelischer Geiseln. Deutschland verkenne "diese Absicht der Hamas und des Irans dahinter", das gegenwärtige Handeln führe "zur Täter-Opfer-Umkehr verbunden mit unberechtigter Kritik am notwendigen Vorgehen Israels."
In den vergangenen Tagen hatten Regierungsvertreter zunehmende Kritik am Vorgehen Israels im Gazastreifen geäußert - insbesondere vor dem Hintergrund der katastrophalen humanitären Lage dort.
Vor diesem Hintergrund hatte die Bundeswehr in der vergangenen Woche gemeinsam mit Jordanien eine Luftbrücke zur Versorgung des Palästinensergebiets eingerichtet. Für Montag war nach Angaben einer Sprecherin des Bundesverteidigungsministeriums ein weiterer Hilfsflug geplant. Bis Montagvormittag habe die Bundeswehr mit insgesamt fünf Flügen etwa 43 Tonnen an Hilfsgütern abgeworfen, darunter Reis, Mehl und Fertiggerichte.
Unterdessen riefen hunderte ehemalige israelische Sicherheitsbeamte - darunter ehemalige Geheimdienstchefs - US-Präsident Donald Trump auf, die Regierung ihres Landes zur Beendigung des Kriegs im Gazastreifen zu drängen. Nach ihrer Einschätzung stelle die Hamas "keine strategische Gefahr mehr für Israel dar", hieß es in dem in der Nacht auf Montag verbreiteten offenen Brief, den insgesamt 550 Menschen unterzeichnet hatten.
Unter ihnen sind drei ehemalige Chefs des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad, fünf ehemalige Leiter des Inlandsgeheimdiensts Schin Bet sowie der ehemalige Regierungschef Ehud Barak, der zuvor unter anderem jahrelang als Generalstabschef der Armee gedient hatte.
Das wichtigste verbliebene Ziel Israels, die Heimkehr aller Geiseln, könne lediglich über ein Abkommen erreicht werden, hieß es weiter. Der Krieg sei nunmehr "nicht mehr gerecht" und führe dazu, dass der "Staat Israel seine Sicherheit und Identität verliert".
O.Johnson--AMWN